Der aus Wien-Erdberg stammende Norbert Sendor hat den Zauber der Lobau noch in den 1950er- und 1960er-Jahren erlebt. Am 2. Mai wird er 90 Jahre alt. Seinen Lebensabend verbringt er in einem Pflegeheim. Seine Erinnerungen sind lebendig wie eh und je.
Er war der erste, der – gemeinsam mit seinem Freund und Gefährten Franz Antonicek – in den Donau-Auen Wildtiere fotografiert hat.
Ihre Fotos haben Anfang der 1970er-Jahre entscheidend dazu beigetragen, dass die Lobau vor einer Autobahn, vor einer Schnellstraße und vor einer Erweiterung des Tanklagers verschont geblieben und schließlich unter Naturschutz gestellt worden ist.
Norbert Sendor hat das Schicksal der geliebten Lobau siebzig Jahre lang mitverfolgt und somit auch ihren schrecklichen Niedergang. Außer ihm gibt es niemanden mehr, der das Vorher und das Jetzt gleichermaßen vor Augen hat.
Wie soll man einen solchen Gesamteindruck in wenigen Absätzen beschreiben? Am besten durch nur vermeintlich nebensächliche Beobachtungen:
DEN GANZEN TAG KEIN MENSCH ZU SEHEN
„Es war früher, das kann man sich jetzt gar nicht mehr vorstellen, den ganzen Tag kein Mensch zu sehen, nichts. Vielleicht, dass man einmal in der Woche einen Jagdaufseher gesehen hat – die sehr freundlich waren und die immer gesagt haben: Seid schön brav, bleibt immer am Weg. Das war’s. Und vom Radfahren, so wie jetzt, dass ganze Kolonnen in der Lobau radfahren, keine Spur. Ich war lange Zeit mit meinem Freund der einzige Radfahrer. Es waren auch keine Wege asphaltiert.“
NUR EULEN UND KIRCHENGLOCKEN
„Am Anfang unserer Laufbahn, die Autobahn neben der Donau gab’s noch nicht, da war es in der Nacht mucksmäuschenstill. Man hörte nur die Eulen und aus den Dörfern, aus den weit entfernten, die Hunde und die Kirchenglocken. Aber sonst nur Naturgeräusche.“
„Ich kann mich erinnern, wenn ich an einem schönen Sommertag, einem lauen, vielleicht mit ein bissl Regen, von Orth an der Donau mit dem Rad nach Wien gefahren bin, war die ganze Au voll mit Laubfrosch-Gequake. Jetzt kann man sagen: Was ist denn das schon? Aber das hat mir gefallen – und nicht nur mir. Das gibt’s nicht mehr, damit ist es längst aus. Heute ist es ein Erlebnis, wenn man irgendwo einen einzigen Laubfrosch hört. Aber damals: Die Au war voll. Wenn man die Donau runter und die March raufgefahren ist, an manchen Stellen war’s weniger laut, an anderen wieder mehr, aber es war immer und überall ein Konzert. Ist aus, ist vorbei.“
BETRETEN STRENGSTENS VERBOTEN
„Die Menschen, die heute noch immer gegen den Nationalpark sind, mögen sich erinnern, dass Sie früher in der Au überhaupt keine Rechte hatten – in der Lobau nicht, als sie noch Gebiet der Bundesforste war, und auch später nicht als Forstgebiet der Stadt Wien. Die größten Teile der Au, inklusive des Schutzdammes, wo jetzt tausende Radfahrer unterwegs sind, waren Sperrgebiet. Betreten unter Strafandrohung strengstens verboten. Die Auen waren menschenleer.“
Lebenszeit und Lebenserfahrung schärfen den Blick für das Wesentliche. Norbert Sendor:
WIR ALLE LEBEN VON DER NATUR
„Natur hat noch immer viel zu wenig wert, obwohl wir alle davon leben. Wenn ein Bauer sein Feld verkauft, kriegt er viel Geld dafür. Wenn er die Früchte des Feldes verkauft, naja, dann kriegt er manchmal nicht einmal die Selbstkosten herein.“
NICHT JEDEN QUADRATMETER BETONIEREN
„Jetzt gibt’s wieder die Autobahn-Ideen. Da bin ich zwiegespalten: Ich versteh‘ die Leute, die da wohnen und auf der anderen Seite der Donau ihre Beschäftigung haben. Wie kommen die rüber? Das ist mit Öffis noch nicht gut erschlossen. Dass die sich eine Autobahn wünschen, versteh ich. Auf der anderen Seite muss es irgendwann aufhören, jeden Quadratmeter unserer Heimat zu betonieren oder in irgendeiner Form zu nutzen und die Natur auf immer winzigere Rechte zurückzudrängen.“
WIR BEKOMMEN MEHR ALS WIR ZURÜCKGEBEN
„Also ich war kein Spinner in der Richtung, dass man Natur unbedingt schützen und jeden Käfer lieben muss. Das war ich sicher nicht. Sondern, ich habe gesehen, dass wir von der Natur viel mehr bekommen, als wir zurückgeben. Und dass die Natur für uns lebenswichtig ist.“
NUR GELSEN UND BRENNNESSELN?
„Was wollen die Leute? Sagen die, die Lobau ist uns wurscht, da sind eh nur Gelsen und Brennnessel, brauchen wir nicht, dann muss man das zur Kenntnis nehmen. Oder, was ich hoffe, dass es gelingt, eine Mehrheit davon zu überzeugen, dass das eine wunderschöne Landschaft ist, die das Klima positiv beeinflusst und Tiere, die schon fast ausgestorben sind, zum Hierbleiben veranlasst.“
„So alte Grabler wie ich werden nichts mehr bewegen können. Nur, dass wir erzählen, wie es einmal war. Und eine große Gefahr ist, wenn die Leute jetzt in die Au kommen und sagen:
Das ist ja wunderschön, was wollen die eigentlich? Ist eh super! Dann sagen die Verantwortlichen, na, wenn die eh alle zufrieden sind, dann können wir noch was nachlassen, dann können wir dort noch eine Straße bauen oder einen Brunnen oder sonst irgendwas.“
Statements aufgezeichnet von Sophia Rut, M.Sc. im Dezember 2023.
Fotos: Robert Kinnl, Elisabeth Zeman, Kurt Kracher, Manfred Christ



